bookmark_borderAbout archives

Kleine Auf- und teilweise Richtigstellung einiger populärer, vor allem bei Schriftsteller*innen verbreiteter Mythen über Archive.

Widersprechen würde ich nur beim Abschnitt „Sorting systems“, aber da passt eigentlich auch nur die Überschrift nicht. (Betrifft eher Signaturen, nicht Pertinenz- und Provenienzprinzip)

bookmark_borderTagungsband zum Deutschen Archivtag 2019

Nach meinem Urlaub konnte ich gestern den Tagungsband zum 89. Deutschen Archivtag („RECHTsicher – Archive und ihr rechtlicher Rahmen“) aus der Post holen. (KXP, demnächst garantiert mit Inhaltsverzeichnis und/oder Aufsätzen)

Auch, wenn sicher viele Aufsätze relevant sind (Recht auf Vergessen, DSGVO), ist der Band ziemlich theoretisch – deshalb möchte ich die vier Beiträge hervorheben, die ich besonders interessant finde. Ohne Anspruch auf Vollständigkeit, auch wenn ich über die Abstracts hinaus gehe, genauere Seitenzahlen sind demnach selbst herauszufinden 😉

Felicitas Söhner: „Forschungsethische Anforderungen und Standards bei der Archivierung von Zeitzeugendokumenten“ (S. 137-152)

Während viele Archive Zeitzeugeninterviews in ihren Beständen haben, werden sie doch in (gefühlt?) verhältnismäßig wenigen aktiv gesammelt oder gar erstellt. Söhner stellt als zentale Punkte heraus:

  • Informiertes Einverständnis, Freiwlligkeit: Gesprächspartner*innen müssen von Anfang an über den Forschungszweck und die Verarbeitung ihrer Interviews informiert und damit einverstanden sein. Sie müssen jederzeit die Möglichkeit haben, ihr Einverständnis zurückzuziehen – die entstandenen Daten müssen dann vernichtet werden. Dabei weist Söhner auch darauf hin, dass das informierte Einverständnis auf Probleme stoßen kann, wenn die Gesprächspartner*innen die Bedingungen nicht verstehen. Ähnliche Probleme sehe ich bei Menschen, die bspw. eine Demez entwickeln, die aber möglicherweise noch genaue Erinnerungen an bestimmte Ereignisse wiedergeben können.
  • Schadensvermeidung: Die Forschenden müssen dafür Sorge tragen, dass ihren Gesprächspartner*innen möglichst keine Schäden entstehen und von Vornherein über mögliche Schäden informieren. Insbesondere werden emotional belastende Forschungssituationen sowie Exkursionen genannt – hier ließe sich überlegen, ob bestimmte Fragen oder Themenkomplexe ausgenommen werden sollten, um Trigger zu vermeiden, die Traumata (wieder) auslösen können.
  • Sicherung von Anonymität und Vertraulichkeit: Die Vertraulichkeit der Daten sollte eine Selbstverständlichkeit sein, die Vermeidung oder zumindest Minimierung personenbezogener Informationen hingegen kann unter Umständen problematisch oder unmöglich sein. Eine vollständige Anonymisierung mag bei beispielhaften Erzählungen (z.B. Einwanderungserfahrungen) möglich sein. Ist das Ziel aber, eine bestimmte Lebensgeschichte zu erzählen, wird dies schwierig. Hier muss eine Abwägung zwischen zukünftigen Forschungsinteressen und den Interessen Drittern getroffen werden. (Passt zum Beitrag von Axel Metz, s.u.)

Für die Archive ergeben sich demnach als zentrale Aufgabenfelder:

  • Anonymisierung der Daten (soweit möglich und sinnvoll)
  • Überlassung der Rechte
  • Aufbereitung der Daten (Speicherung, Erfassung, Transkription, …)
  • Nutzung

Axel Metz: „Die Rechte der Nachkommen – oder: Schutz jenseits der Schutzfristen und die Konsequenzen für die Benutzung von Archivalien“ (S. 157-166)

Wie ist mit Archivalien umzugehen, deren Nutzung nicht die „klassischen“ Ausschlussgründe (Personenbezogene Daten, Erhaltungszustand und „Wohl des Staates“) entgegenstehen, nämlich schutzwürdige Belange Dritter? Diese Frage ist um so wichtiger, als dass mit neuen technischen Möglichkeiten Daten immer besser verknüpft und Erkenntnisse aus den verknüpften Daten gezogen werden können.

In seinem Beitrag macht Metz klar, dass der klassische Fall – von der Akte eigentlich nicht betroffene Personen, die aber identifizierbar sind (z.B. Kinder in einer Personalakte) seiner Ansicht zu eng gefasst ist. So wirft er etwa die Frage auf, ob die Information über eine vererbbare Krankheit nicht auch eine schutzwürdige Information ist, auch, wenn keine Kinder bekannt sind. Bei der Abwägung des Nutzungsinteresses und dem Schutz der Informationen sollte etwa auch berücksichtigt werden, ob die aus der Akte gewonnene Information publiziert und damit einem breiteren Publikum bekannt gemacht werden soll.

Als Beispiele nennt er den Prozess zur Veröffentlichung der Liste der Euthanasie-Opfer heran, (Bei Archivalia verlinkt und kommentiert) und die Einschätzung des Bayerischen Datenschutzbeauftragten zur Digitalisierung von Personenstandsregistern (Archivalia). Ob die von diesem geforderte Schutzfrist von 140 Jahren für Abstammungsinformationen wünschenswert wäre, sei dahingestellt – bislang scheint es sich hier eher um eine Einzelmeinung zu handeln.

Juliane Henzler, Christian Schlöder: „Der Umgang mit Deposita im Niedersächsischen Landesarchiv – Von den Möglichkeiten eines modularen Musterdepositalvertrages“ (S. 193-205)

Im Bereich der nichtstaatlcihen Bestände gibt es vermutlich in vielen Archiven solche mit ungeklärten Eigentumsverhältnissen – seien es ungefragt zugesendete Dokumente oder ganze Bestände, bei denen eine rechtzeitige Klärung versäumt wurde. Ich wage zu Behaupten, dass die meisten Archive solche „Leichen im Keller“ haben – teils wurden mündliche Absprachen nicht dokumentiert, teils sind Rechtsnachfolgen unklar, manche Familien „ausgestorben“, für einige Bestände gab es nie eine Übergabedokumentation, geschweige denn einen Depositalvertrag.

Die Vergangenheit lässt sich bekanntermaßen nicht ändern und nicht immer nachträglich entsprechende Verträge unterzeichnen – mit einem einheitlichen Vertrag lassen sich die Risiken aber für die Zukunft minimieren. Henzler und Schlöder stellen das im Niedersächsischen Landesarchiv verwendete Muster für einen solchen Depositalvertrag vor. Auch, wenn von Seiten des Archivs sicher häufig der Abschluss eines Schenkungsvertrags anzustreben ist, kann so eine rechtssichere Übernahme von Beständen als Depositum erzielt werden – mit Kostenbeteiligung des Depositars.

Andreas Nestl: „Rechtsfragen bei Übergabe und Nutzung nichtstaatlichen Archivguts“ (S. 207-217)

Nestl bearbeitet das gleiche Problemfeld, setzt aber den Fokus anders. Anhand verschiedener Fälle stellt er vor, wie die Eigentumsverhältnisse von Dokumenten aus rechtlicher Sicht sind und wie diese geändert werden können. Ebenso erklärt er, wie Archive mit Beständen umgehen sollten, bei denen eine Klärung oder ggf. nachträgliche Änderung der Eigentumsverhältnisse nicht möglich ist und welche Risiken hieraus entstehen.

Sonst noch

Hinweisen möchte ich auch noch auf den Beitrag von Francesco Gelati und Maren Richter zu „Archivierung von Forschungsrohdaten und deren Zugänglichmachung für die Wissenschaft“ (S. 115-119). Das Thema Forschungsdaten wird hierzulande bislang scheinbar vor allem von (Universitäts-) Bibliotheken bearbeitet, ich erwarte aber, dass das Thema mittelfristig auch für Archive relevanter wird. Sicher gibt es schon einige Projekte, gerade mit statistischen Daten, neben den Archiven wissenschaftlicher Institutionen (Forschungszentren/-gesellschaften, Universitäten und Hochschulen) dürfte das aber auch Bundesarchiv und Landesarchive ein Thema werden. Ich denke dabei vor allem an staatliche, nicht an Forschungsgesellschaften gebudene Institutionen wie das Thünen-Institut oder das RKI auf Bundesebene oder auf Landesebene an Forschungseinrichtungen wie die Forschungsstelle Küste. Der Beitrag ist zwar kurz, gibt aber immerhin einen groben Überblick über das Thema.

bookmark_borderForderungen zur Behördenkommunikation auf Social Media

Das entwickelt sich zur Serie – das Thema hatte ich ja schon zwei mal (Behörden auf Social Media – Stefan Brink meint es ernst mit dem Datenschutz und Forderungen zur Nutzung von Social Media durch Behörden), Netzpolitik.org hat ein schönes Beispiel dafür, wie Behördenkommunikation auf Social Media nicht funktionieren sollte:

Hamburger Polizei auf Twitter: Keine Nachfragen zugelassen (Marie Bröckling, Netzpolitik.org, 19.08.2020)

Die Polizei Hamburg reagiert über einen offiziellen Kanal auf Kritik, nachdem ein Video potentiell illegale Polizeigewalt zeigt, kündigt an, die Vorwürfe zu prüfen – und nutzt eine neue Funktion von Twitter, Antworten (und damit (kritische) Rückfragen) zu deaktivieren. Das erinnert mich fatal an den Irrglauben einiger Menschen, dass Meinungsfreiheit hieße, sie dürften alles behaupten und Meinungsfreiheit hieße, dass sie ein Recht darauf hätten, keine kritischen Reaktionen zu erhalten.

Passend dazu:

Innenministerium will Twitter-DMs schließen, wenn es vor Gericht gegen uns verliert (Arne Semsrott, fragdenstaat.de, 21.08.2020)

Das Innenministerium ist der Auffassung, Twitter-Direktnachrichten seien – anders als bspw. Mails an das Ministerium – „rechtlich irrelevante Korrespondenz“. Darüber könnte man sicher reden, einen besonderen Quellenwert haben die meisten Direktnachrichten sicher nicht – es gibt aber Hinweise, dass das Ministerium Verwaltungsprozesse zumindest über Direktnachrichten anstößt, indem es Nutzer:innen bittet, nähere Details zunächst per Direktnachricht mitzuteilen. Auch, wenn daraufhin nur hingewiesen wird, dass eine Anfrage nur per Mail beantwortet werden könnte oder das Ministerium gar nicht zuständig sei, dürfte es sich hier aber nicht mehr um „rechtlich irrelevante“ Vorgänge handeln.

Sollte das Verwaltungsgericht Frag den Staat bzw. der Open Knowledge Foundation insoweit Recht geben und das Ministerium zur Herausgabe entsprechender Vorgänge verpflichten – sofern dem keine Persönlichkeitsrechte entgegenstehen, hat dieses jetzt angekündigt, die Kontaktmöglichkeit über Direktnachrichten zu schließen. Kann man natürlich machen, ist im Sinne offener Kommunikation aber mindestens fragwürdig. Es wird scheinbar Zeit für eine einheitliche Regelung für (Bundes-) Einrichtungen zur Behandlung von Social Media…

bookmark_borderHilfsmittel zur Paläografie #1: Die Kurrentschreibmaschine

Das Projekt „Archivführer zur Deutschen Kolonialgeschichte“ bietet unter anderem auch eine „digitale Schreibmaschine“ für verschiedene alte Schriften an. Ziel des Tools ist es nicht, beliebige Texte zu übersetzen, sondern anhand der ausgewählten Buchstaben nach entsprechenden Wörtern im Bestand des Kolonialkorpus zu suchen. Tatsächlich handelt es sich also weniger um eine Schreibmaschine als um ein Tool zur visuellen Identifikation.

Folglich gibt es kein „richtiges“ Einbgabefeld, sondern Benutzer:innen müssen die Buchstaben, die sie „übersetzen“ wollen, anklicken. Das System kennt die Schreibschrift des 18. Jh., die Berthold Mainzer Fraktur, die Deutsche Kurrent, die Greifswalder, Ottilie und Wiegel Kurrent.

Auch eine Übersicht mit einigen Tipps und einer Alphabettabelle gibt es im Projekt.

Leider (scheinbar?) nicht Open Source.

(via Schmalenstroer und Ostalbum, ja, das ist nicht neu…)

bookmark_borderCancel Culture

Bei der „Welt“ (Axel Springer) freut sich der Chefkommentator, dass NS-Verbrecher ihre Jobs in der Nachkriegszeit behalten konnten. Die Militärhistorikerin Annika Brockschmidt hat dem Thema einen Twitter-Thread und einen Beitrag bei Übermedien gewidmet.

Mit Cancel Culture wird ein systematischer Boykott von Personen oder Organisationen bezeichnet, denen beleidigende oder diskriminierende Aussagen bzw. Handlungen vorgeworfen werden.

Wikipedia: Cancel Culture, Stand 20.08.2020

bookmark_borderKZ-Gedenkstätte als Viehweide

Von den Häftlingen wurde schwerste körperliche Arbeit gefordert, während sie unter unmenschlichen Bedingungen in einem Pferdestall untergebracht waren. Zwischen 1941 und 1943 kam es zudem zu mehreren Morden an den Zwangsarbeitenden. ->

Ein bemerkenswertes Beispiel fragwürdigen Umgangs mit einer KZ-Gedenkstätte liefert die Stadt Radolfzell am Bodensee. Hier gibt es eine Gedenkstätte für ein Außenlager des KZ Dachau. Die Verwaltung lässt Teile der Fläche als Viehweide nutzen, angeblich damit das Gelände nicht verwildert.

Bemerkenswert ist diese Begründung vor allem unter Berücksichtigung eines noch immer vorhandenen NS-Ehrenmals (wenn auch ohne den ursprünglichen Schriftzug) und Gedenktafeln, die ohne Differenzierung „der Opfer der Gewaltherrschaft und der Toten aller Kriege“ gedenken.

(Frag den Staat)

bookmark_borderSprachpessimisten nehmen Vergangenheit als echten Bestandteil der Gegenwart wahr

Anders kann ich mir jedenfalls nicht erklären, warum die Fortschrittsverweigerer von AfD und VDS („Verein Deutsche Sprache“) sich jetzt so über den neuen Duden aufregen. Zugegeben, ernst genommen habe ich beide noch nie, der VDS ist mir bislang auch nur mit ähnlich unsinnigen Forderungen wie die AfD aufgefallen.

Ausgerechnet die AfD jammert, dass der Mehrheit „ideologische“ Begriffe von „kleinen Gruppen“ verordnet würden. Das können sie als rechte Partei natürlich besonders gut einschätzen, schließlich haben sie selbst – teilweise durchaus erfolgreich – den ein oder anderen Begriff in den allgemeinen Sprachgebrauch eingebracht, der eindeutig ideologisch geprägt ist. Stichwort „Flüchtlingskrise“.

Der VDS liefert derweil einen der Klassiker ab und jammert, dass einzelne Personen „von oben herab“ entscheiden wollten, wie sich Sprache entwickelt und jammert, dass Leute „Gendersternchen und ähnliche Konstrukte echte Bestandteile der deutschen Sprache“ wahrnehmen würden. Dass das daran liegen könnte, dass es Leute gibt, die daran glauben, dass sich auch Sprache verändern kann und der Stand von vor hundert Jahren nicht zwingend ein für alle Zeiten perfektes Sprachbild definiert.

Fortschritt wird eh überbewertet.

(RP Online)

bookmark_borderKein Recht auf uneingeschränkte Bibliotheksnutzung in Corona-Zeiten

So hat das Verwaltungsgericht Gießen geurteilt (Az. 3 L 2412/20.GI):

Nach Auffassung des Verwaltungsgerichts verletzten die Beschränkung der Nutzungsmöglichkeiten der Einrichtungen, die auf dem Hygiene- und Maßnahmenkonzept der JLU zur Eindämmung der Corona-Pandemie beruhen, den Antragsteller nicht in seinen Rechten verletzen.

(…)

Die Nutzung der Bibliothek des juristischen Fachbereichs sei grundsätzlich nur im Rahmen der tatsächlichen rechtlichen Nutzungsmöglichkeiten gegeben. Unter Wahrung der Abstandsregelungen und zum Gesundheitsschutz sei daher derzeit zulässigerweise nur eine beschränkte Anzahl von Plätzen vorhanden. Dass die Universität diese Plätze vorrangig den Examenskandidaten zur Verfügung stelle, verletze den Antragsteller, der Student im 2. Semester ist, nicht in seinem Recht auf Gleichbehandlung.

Pressemitteilung des VG Gießen v. 19.08.2020, zitiert nach juris

Geklagt hatte ein Jurastudent im zweiten Semester, das Urteil ist noch nicht rechtskräftig.

(Juris)