Zur Bürger-ID

Die Bundesregierung verfolgt die schon vor Jahren breit kritisierte Idee wieder, die Steuernummer zur einheitlichen Identifikationsnummer für Bürger:innen zu machen, allen Bedenken zum Trotz. Leider steht zu befürchten, dass dieses Vorhaben – anders als der nPA – kein Rohrkrepierer wird.

Enthalten sein sollen im verknüpften Register neben Namen und Geburtsdaten mindestens Geschlecht, Meldedaten und Staatsangehörigkeit, verknüpft werden sollen u.a. Melderegister, Ausländerzentralregister, Schuldner- und Anwaltsverzeichnis, und verschiedene sonstige Datenbanken (z.B. Führerscheinbesitzer, Waffenbesitzer, eID-Kartenbesitzer, Wohngeldempfänger, Bafög-Empfänger).

Ein bisschen Lesestoff zum Thema:

Forderungen zur Behördenkommunikation auf Social Media

Das entwickelt sich zur Serie – das Thema hatte ich ja schon zwei mal (Behörden auf Social Media – Stefan Brink meint es ernst mit dem Datenschutz und Forderungen zur Nutzung von Social Media durch Behörden), Netzpolitik.org hat ein schönes Beispiel dafür, wie Behördenkommunikation auf Social Media nicht funktionieren sollte:

Hamburger Polizei auf Twitter: Keine Nachfragen zugelassen (Marie Bröckling, Netzpolitik.org, 19.08.2020)

Die Polizei Hamburg reagiert über einen offiziellen Kanal auf Kritik, nachdem ein Video potentiell illegale Polizeigewalt zeigt, kündigt an, die Vorwürfe zu prüfen – und nutzt eine neue Funktion von Twitter, Antworten (und damit (kritische) Rückfragen) zu deaktivieren. Das erinnert mich fatal an den Irrglauben einiger Menschen, dass Meinungsfreiheit hieße, sie dürften alles behaupten und Meinungsfreiheit hieße, dass sie ein Recht darauf hätten, keine kritischen Reaktionen zu erhalten.

Passend dazu:

Innenministerium will Twitter-DMs schließen, wenn es vor Gericht gegen uns verliert (Arne Semsrott, fragdenstaat.de, 21.08.2020)

Das Innenministerium ist der Auffassung, Twitter-Direktnachrichten seien – anders als bspw. Mails an das Ministerium – „rechtlich irrelevante Korrespondenz“. Darüber könnte man sicher reden, einen besonderen Quellenwert haben die meisten Direktnachrichten sicher nicht – es gibt aber Hinweise, dass das Ministerium Verwaltungsprozesse zumindest über Direktnachrichten anstößt, indem es Nutzer:innen bittet, nähere Details zunächst per Direktnachricht mitzuteilen. Auch, wenn daraufhin nur hingewiesen wird, dass eine Anfrage nur per Mail beantwortet werden könnte oder das Ministerium gar nicht zuständig sei, dürfte es sich hier aber nicht mehr um „rechtlich irrelevante“ Vorgänge handeln.

Sollte das Verwaltungsgericht Frag den Staat bzw. der Open Knowledge Foundation insoweit Recht geben und das Ministerium zur Herausgabe entsprechender Vorgänge verpflichten – sofern dem keine Persönlichkeitsrechte entgegenstehen, hat dieses jetzt angekündigt, die Kontaktmöglichkeit über Direktnachrichten zu schließen. Kann man natürlich machen, ist im Sinne offener Kommunikation aber mindestens fragwürdig. Es wird scheinbar Zeit für eine einheitliche Regelung für (Bundes-) Einrichtungen zur Behandlung von Social Media…

Dateinamen-Rundumschlag

Weil ich immer mal wieder die ein oder andere theoretische Gruseligkeit zu Dateinamen höre oder praktisch sehe, möchte ich mal ein paar Punkte abgeben, die sich als sinnvoll erwiesen haben:

Umlaute in Dateinamen

Just do it. Einigermaßen aktuelle Betriebssysteme können damit umgehen und wenn es doch mal ein System gibt, das das aus Gründen technischen Rückstandes nicht kann, können diese auch unerfahrene Nutzer:innen bspw. mit dem Bulk Rename Utility problemlos auch für größere Dateimengen ändern. Für die lokale Datenhaltung ist das aber wirklich egal und dass andere Nutzer:innen noch Software verwenden, die seit mehreren Jahren keine Updates mehr erhält, sollte kein Grund sein, auf lesbare Dateinamen zu verzichten.

Ausnahmen sollten hier wirklich nur Systeme bilden, die (noch) alternativlos sind, etwa für die Langzeitarchivierung auf Archive.org – aber auch dort können wir wohl davon ausgehen, dass das „Problem“ mal behoben wird, nachdem Webserver mittlerweile (theoretisch) auch mit Umlauten in Domains umgehen können.

Zeichenkodierung

Speichert eure Dokumente als UTF-8. Nicht ASCII, nicht irgendein Windows-ANSI, kein ISO-whatever, UTF-8 hat mehr Zeichen, auch sonst reichlich Vorteile und ist schon länger De-facto-Standard.

Sortierung

Wie Dateien sortiert sein sollen, hängt natürlich immer ein bisschen von persönlichen Vorlieben und dem jeweiligen Anwendungsfall ab. In vielen Fällen wird eine chronologische Sortierung gewünscht sein, etwa bei Rechnungen oder Korrespondenz.

Hier empfielt es sich, nicht nur einen den Inhalt grob beschreibenden Dateinamen zu vergeben, sondern diesem das Datum „rückwärts“ voranzustellen: Jahr (viertellig) – Kurzbeschreibung – Dateiendung. Warum das sinnvoller ist? Mal ein Beispiel, wie die Dateiablage einer digitalen Nutzer:innenakte in einem Archiv aussehen könnte (am Beispiel einer Sammelakte für Erbenermittlungen):

  • Erbenermittlung Meiermüllerschmidt.docx
  • Erbenermittlung Meiermüllerschmidt(1).docx
  • Erbenermittlung Hinrichsen.docx
  • Erbenermittlung Meiermüllerschmidt(2).docx
  • Erbenermittlung Hinrichsen(1).docx

Ja, das kann man über das Datum „zuletzt geändert“ irgendwie sortieren – aber wirklich schön ist was anderes. Wie viel übersichtlicher ist doch das hier:

  • 2019-03-02 Erbenermittlung Meiermüllerschmidt.docx
  • 2019-08-07 Erbenermittlung Meiermüllerschmidt.docx
  • 2019-10-02 Erbenermittlung Hinrichsen.docx
  • 2020-07-02 Erbenermittlung Meiermüllerschmidt.docx
  • 2020-07-11 Erbenermittlung Hinrichsen.docx

Damit die Sortierung nach Dateinamen funktioniert, ist dabei die englische Schreibweise Jahr – Monat – Tag wichtig, für Jahr empfielt sich vierstellig. Dabei denke ich insbesondere an Materialzusammenstellungen, die auch mal ins 20. Jahrhundert oder noch weiter zurückgehen können und dennoch nach Entstehungsdatum sortiert werden sollen. Nach ISO 8601 empfielt sich als Trennzeichen der Bindestrich („-„).

Natürlich lassen sich die Dateinamen noch ergänzen, meinetwegen Abkürzungen verwenden, Inhalte genauer beschreiben:

  • 2019-03-02 EE Meiermüllerschmidt – Nachlass Müller.docx
  • 2019-08-07 EE Meiermüllerschmidt – Nachlass Schmidt.docx
  • 2019-10-02 EE Hinrichsen – Nachlass Friedrichsen.docx

Bei einer Ordnerstruktur, die nach Personen/Institutionen geordnet ist, entfällt die Institution im Namen natürlich ganz und der Dateiname „muss“ nur noch die genauen Inhalte beschreiben:

  • 2019-03-02 Nachlass Müller – Auskunft Sterberegister.docx
  • 2019-08-07 Nachlass Schmidt – Auskunft Melderegister.docx
  • 2019-08-07 Nachlass Schmidt – Rechnung.docx

Eine Ausnahme könnt ihr für besonders wichtige, „zeitlose“ Dokumente machen, die ihr immer oben halten möchtet. Deren Dateinamen könnt ihr verschiedene Sonderzeichen voranstellen, etwa #, @ oder _. Ich persönlich bevorzuge den Unterstrich, aber das ist Geschmackssache – und mit mehreren dieser Zeichen ließe sich sogar eine weitere Sortierung bauen.

  • _Ansprechpartner EE Meiermüllerschmidt.docx
  • 2019-03-02 EE Meiermüllerschmidt – Nachlass Müller.docx
  • 2019-08-07 EE Meiermüllerschmidt – Nachlass Schmidt.docx

Exkurs Ordnerstruktur

Insbesondere, wenn ihr wiederkehrende Betreffe habt, überlegt euch, ob ihr Sammelordner (also analog zu Sammelakten) haben wollt oder doch eher „Einzelfallakten“:

  • Anfragen Erbenermittler

oder

  • Anfragen
    • Erbenermittler Meiermüllerschmidt
    • Erbenermittler Hinrichsen

Kann beides seine Vorteile haben, aber entscheides es möglichst frühzeitig – nachträglich auseinander sortieren nervt, auch, wenn ihr euch die Arbeit mit ordentlich strukturierten Dateinamen erleichtert habt. Insbesondere für Angestellte im öffentlichen Dienst oder in größeren Unternehmen bietet es sich an, sich am jeweiligen Aktenplan bzw. der analogen Aktenführung in eurer Institution zu orientieren.

Ansonsten gilt auch für Ordner: Besonders wichtige Ordner lassen sich mit führenden Sonderzeichen „oben halten“:

  • _Vorlagen, Textbausteine
  • Anfragen
  • Bibliothek
  • Interne Dokumente

Versionierung

Ein leidiges Thema, wir haben wohl alle schon solche Dateinamen gesehen (und vielleicht sogar produziert:

  • Aufsatz.docx (Geändert: 13.09.2019)
  • Aufsatz fertig.docx (Geändert: 15.09.2019)
  • Aufsatz final.docx (Geändert: 14.09.2019)
  • Aufsatz final – korr.docx (Geändert: 15.09.2019)
  • Aufsatz final fertig print.docx (Geändert: 16.09.2019)

Dass das doof ist, dürfte selbsterklärend sein. Wenn also die Ordnung eine alphabetische sein soll, schreibt die Version der Datei hinten in den Dateinamen. Denn mit

  • Namensregister Sterberegister Region.xlsx
  • Namensregister Sterberegister Region (1).xlsx
  • Beispielformular.pdf
  • Beispielformular2.pdf
  • Beispielformular_aktuell.pdf

ist wirklich niemandem geholfen – insbesondere, wenn eine Version andere Versionen der Datei überflüssig (weil unvollständig) oder gar ungültig macht. Dann doch lieber so:

  • Namensregister Sterberegister Region 2020-07-03.xlsx
  • Beispielformular (Stand 2020-01-03).pdf

Zeitliche und thematische Nähen zu Beiträgen anderer Blogger sind rein zufällig.

Hilfsmittel zur Paläografie #1: Die Kurrentschreibmaschine

Das Projekt „Archivführer zur Deutschen Kolonialgeschichte“ bietet unter anderem auch eine „digitale Schreibmaschine“ für verschiedene alte Schriften an. Ziel des Tools ist es nicht, beliebige Texte zu übersetzen, sondern anhand der ausgewählten Buchstaben nach entsprechenden Wörtern im Bestand des Kolonialkorpus zu suchen. Tatsächlich handelt es sich also weniger um eine Schreibmaschine als um ein Tool zur visuellen Identifikation.

Folglich gibt es kein „richtiges“ Einbgabefeld, sondern Benutzer:innen müssen die Buchstaben, die sie „übersetzen“ wollen, anklicken. Das System kennt die Schreibschrift des 18. Jh., die Berthold Mainzer Fraktur, die Deutsche Kurrent, die Greifswalder, Ottilie und Wiegel Kurrent.

Auch eine Übersicht mit einigen Tipps und einer Alphabettabelle gibt es im Projekt.

Leider (scheinbar?) nicht Open Source.

(via Schmalenstroer und Ostalbum, ja, das ist nicht neu…)

Cancel Culture

Bei der „Welt“ (Axel Springer) freut sich der Chefkommentator, dass NS-Verbrecher ihre Jobs in der Nachkriegszeit behalten konnten. Die Militärhistorikerin Annika Brockschmidt hat dem Thema einen Twitter-Thread und einen Beitrag bei Übermedien gewidmet.

Mit Cancel Culture wird ein systematischer Boykott von Personen oder Organisationen bezeichnet, denen beleidigende oder diskriminierende Aussagen bzw. Handlungen vorgeworfen werden.

Wikipedia: Cancel Culture, Stand 20.08.2020

KZ-Gedenkstätte als Viehweide

Von den Häftlingen wurde schwerste körperliche Arbeit gefordert, während sie unter unmenschlichen Bedingungen in einem Pferdestall untergebracht waren. Zwischen 1941 und 1943 kam es zudem zu mehreren Morden an den Zwangsarbeitenden. ->

Ein bemerkenswertes Beispiel fragwürdigen Umgangs mit einer KZ-Gedenkstätte liefert die Stadt Radolfzell am Bodensee. Hier gibt es eine Gedenkstätte für ein Außenlager des KZ Dachau. Die Verwaltung lässt Teile der Fläche als Viehweide nutzen, angeblich damit das Gelände nicht verwildert.

Bemerkenswert ist diese Begründung vor allem unter Berücksichtigung eines noch immer vorhandenen NS-Ehrenmals (wenn auch ohne den ursprünglichen Schriftzug) und Gedenktafeln, die ohne Differenzierung „der Opfer der Gewaltherrschaft und der Toten aller Kriege“ gedenken.

(Frag den Staat)

75 Jahre nach Hiroshima

Ein paar Tage verspätet zwei Links zum Thema:

  • 75 Jahre nach Hiroshima: Wenn der Atombombenabwurf in Vergessenheit gerät. (Lars Nicolaysen/dpa, Heise.de)
    Hiroshima ist ein Mahnmal gegen Atomwaffen. Doch die Erinnerung an den Atomangriff von 1945 geht zurück, genauso wie die Abrüstungsbemühung.
  • Das neue atomare Wettrüsten (Dagmar Röhrlich, Deutschlandfunk, 6-Teilige Serie, Teil 1)

Sprachpessimisten nehmen Vergangenheit als echten Bestandteil der Gegenwart wahr

Anders kann ich mir jedenfalls nicht erklären, warum die Fortschrittsverweigerer von AfD und VDS („Verein Deutsche Sprache“) sich jetzt so über den neuen Duden aufregen. Zugegeben, ernst genommen habe ich beide noch nie, der VDS ist mir bislang auch nur mit ähnlich unsinnigen Forderungen wie die AfD aufgefallen.

Ausgerechnet die AfD jammert, dass der Mehrheit „ideologische“ Begriffe von „kleinen Gruppen“ verordnet würden. Das können sie als rechte Partei natürlich besonders gut einschätzen, schließlich haben sie selbst – teilweise durchaus erfolgreich – den ein oder anderen Begriff in den allgemeinen Sprachgebrauch eingebracht, der eindeutig ideologisch geprägt ist. Stichwort „Flüchtlingskrise“.

Der VDS liefert derweil einen der Klassiker ab und jammert, dass einzelne Personen „von oben herab“ entscheiden wollten, wie sich Sprache entwickelt und jammert, dass Leute „Gendersternchen und ähnliche Konstrukte echte Bestandteile der deutschen Sprache“ wahrnehmen würden. Dass das daran liegen könnte, dass es Leute gibt, die daran glauben, dass sich auch Sprache verändern kann und der Stand von vor hundert Jahren nicht zwingend ein für alle Zeiten perfektes Sprachbild definiert.

Fortschritt wird eh überbewertet.

(RP Online)

Deutsche Welle verbreitet Unsinn über E-Autos

Die deutsche Welle verbreitet Unsinn über E-Autos und drückt sich um eine kritische Betrachtung mit dem Hinweis, es handele sich ja um Kommentare. Und die kennzeichnet ja sonst wirklich niemand als solche.

Ich weiß gar nicht, was ich bedenklicher finde – dass die DW Unsinn verbreitet oder dass sie sich nichtmal eine brauchbare Ausrede ausdenken können oder wollen.

(Volksverpetzer)